So war der Abend in der Stadtteilbücherei fast eher ein großes Familientreffen, und immer wieder brauchten die Referenten nur Stichworte zu liefern, und schon wurden im Publikum persönliche Erinnerungen und Dutzende von Anekdoten und Erlebnissen wachgerufen, die spontan zum Besten gegeben wurden und Zustimmung und große Heiterkeit auslösten.
Horst Seil, Leiter des Ginsheimer Museums, hatte ein Gemarkungsmodell der Flusslandschaft zu Zeiten der Steinzeit mitgebracht und verdeutlichte daran die uralte Beziehung beider Nachbarorte.
Seine Theorie: Man nutzte die Flussniederungslandschaft im Großraum Ginsheim und zog sich bei Hochwasser in das höher gelegene Bauschheim zurück, sodass es in beiden Siedlungen wohl weitgehend die selbe Bevölkerung gab.
Das ist nicht mehr zu beweisen, aber die tatsächlich sehr guten Beziehungen beider Orte bis heute legen das nahe, zumal es engste familiäre Verflechtungen gibt, über die Horst Guthmann vom „Verein Für Bauschheim“ viel zu erzählen wusste.
 
 
Bauschheimer Frauen und Männer der Runde berichteten, dass sie ihre Räder einfach in die Gehöfte der Verwandten stellten, wenn sie in ihrer Jugend zum Strandbad nach Ginsheim fuhren. Dass an dem Abend immer wieder nicht nur der Dialekt, sondern auch die alten Namen zitiert wurden, brachte viel Gelächter. So war „bei de Bauschemer Philipps Marie“ jedermann ein Begriff, weil man sie noch persönlich kannte. Die Namenszusätze dienten der besseren Unterscheidung, weil damals viele Personen gleiche Namen hatten.
Ginsheim war früher noch stärker durch die Rhein- und Mainläufe geprägt. Es gab mehrere Personenschiffe, darunter das „Kaffeemühlchen“, das Arbeiter und Marktfrauen auf die Mainzer Seite brachte. Es gab Mühlen, wohin die Bauschheimer ihr Getreide lieferten und dann dort das Mehl abholten. Eine Mühle wurde später vom Flussufer in den Ort verlegt, denn sie nutzte jetzt die Kraft der Dampfmaschine anstelle der Flussströmung, wusste Rudolf Guthmann (Ginsheim) zu berichten. Zum Zahnarzt Jakob, „der nur Dentist war“, wie einhellig erklärt wurde, mussten die Bauschheimer ebenfalls nach Ginsheim.
Wegen der großen Armut in der Gemeinde kaufte man sogar gebrauchte Häuser. Als das 1721 als Forsthaus im Mönchbruch erbaute Haus dort nicht mehr benötigt wurde, baute man es 1854 ab und in Ginsheim wieder auf, wo es bis heute steht. Es diente zunächst als Schul- und dann Rathaus und ist heute Heimatmuseum. Weitere Häuser aus dem Mönchbruch stehen in Ginsheim.
 
 
Erinnert wurde an die Schulzeit nach dem Krieg, als bis zu 63 Schüler in einer Klasse saßen und aus Platzgründen auch eine Zeit lang in einer Kegelbahn unterrichtet wurde. Pfarrer Blum, der außer in Ginsheim in vielen anderen Orten Dienst tat, fragte auch schon mal Leute bei der Feldarbeit nach dem Leben eines Verstorbenen, den er in einer fremden Gemeinde beerdigen sollte. Ab 1930 wurde Ginsheim sogar der Stadt Mainz einverleibt, die deshalb noch heute hier Besitz hat, „das treuhänderisch von Ginsheim für Mainz mitverwaltet wird“, so Horst Seil, denn der Eingemeindungsvertrag von 1930 gelte noch immer, obwohl nach dem Krieg die Besatzungsmächte die Grenze wieder mitten in den Rhein verlegt hätten. Kochen lernten die Kinder noch in der Schule, so „bei Fräulein Schröder“, das mit dem Fahrrad von Ginsheim nach Bauschheim kam und auch Handarbeit unterrichtete. Selbstverständlich gab es auch hierzu eine Geschichte, denn mit List konnten die Schüler einen Faden des Rockes der Lehrerin lösen, die beim Aufstehen vom Stuhl dann fast den ganzen Rock abwickelte. Die Vortrags- und Erinnerungsreihe soll mit dem Nachbarort Trebur fortgesetzt werden.