Niemand kann einen Ortsteil besser beschreiben als einer, der dort groß geworden ist. Mit Horst Guthmann, der die Stadtteilführung am Mittwochabend in Bauschheim mit Wissenswertem und jeder Menge Anekdoten füllte, gab es einiges zu lernen.
Jedes Haus an der Brunnenstraße, der vormaligen Hauptstraße, die mitten durch den Ortsteil führt, hat seine eigene Geschichte. Doch die gut anderthalbstündige Führung, der sich ein Diavortrag im Bürgerhaus anschloss, startete zunächst in der evangelischen Kirche, die 2012 ihr 300-jähriges Bestehen feierte.
Die urkundliche Ersterwähnung des Dorfes mit dem Namen „Biwinesheim“ ist im Lorscher Reichsurban um das Jahr 830 zu finden. Einst als Straßendorf angelegt, liegt der Dreh- und Angelpunkt in der ehemaligen Hauptstraße. Die Kirche liegt erhöht, da sich dort früher der Friedhof befand, was durch einige Knochenfunde bei Ausgrabungen belegt ist. Das heutige Brauthäuschen, vor dem sich Frischvermählte gern fotografieren lassen, war damals das genaue Gegenteil, erklärte Guthmann. Denn dort wurden die Toten vor der Beerdigung aufgebahrt.
Tiroler Wandermaler sollen die farbenprächtige Decke in der Kirche bemalt haben, in deren Zentrum ein Lamm zu sehen ist. Recherchen anlässlich der 300-Jahr-Feier der Kirche ergaben, dass es viele Schafe in Bauschheim gab, die von einer Seuche befallen worden waren. Ein Schäfer, dessen Tiere verschont blieben, soll aus Dankbarkeit die Deckenbemalung gespendet haben. Gut zu erkennen sind an der Decke auch die Öffnungen für die Glockenseile. Die damalige Küsterin Lina Vogel läutete die Glocken. Dabei wurde sie, eine schwarze Kittelschürze tragend, an den Seilen mit hoch und runter gezogen, sodass die Leute über sie sagten, sie sehe aus wie die Jungfrau von Jericho, nur eben in schwarz.
Die heutige „Alte Schmiede“ war früher auch einmal die Dorfschule, in der auch die Lehrer wohnten. Und die „Krone“, ein weiteres Haus an der Brunnenstraße, sei wohl so alt wie die Kirche und beheimatete sowohl eine Metzgerei als auch eine Bar. Wie der untere Teil eines Brunnens, dessen Oberteil vor der Kirche steht, aussieht, konnten die Besucher im Garten von Wilhelm Völker sehen, der die Gruppe gern einließ. Vor rund 400 Jahren sei der Brunnen gegraben worden und liefere bis heute genügend Wasser für den Nutzgarten, in dem Kartoffeln und Tomaten bestens gedeihen.
Damals baute auch der Dorfpfarrer sein Gemüse noch selbst an. Daher gab es hinter dem Pfarrhaus den einen Hektar großen Garten. Heute stehen dort Wohnhäuser. Der „Dorfborn“ liegt im südlichen Teil von Bauschheim, rund zehn Meter niedriger als die Hauptstraße. Guthmann zeigte den Teilnehmern schöne alte Nutzgärten und ein Gässchen, in das sich früher die jungen Paare bei Dorffesten zurückzogen. Und immer wieder fielen die Namen von Bauschheimern, die mit ihrer ganz eigenen Art, ob sauertöpfisch oder freundlich, zur Geschichtsschreibung beitrugen.
Der Rundgang endete im Bürgerhaus mit Weck, Fleischwurst und einem Bildervortrag mit alten Fotos, die die Veränderungen des Orts verdeutlichten. So zeigten Luftaufnahmen vor und nach der Flurbereinigung, wie aus kleinen sehr viel größere Felder wurden.